Es geht anders!

Mittags in der Mensa: An vielen Tischen wird nicht gegessen, sondern gearbeitet. Mappen, Bücher, Laptops. Zwischen Kartoffel und Klops werden Übungsaufgaben gelöst, das Heft liegt zur Hälfte auf dem Tisch, zur Hälfte auf der Pizza. Jährlich mehr empfinde ich viele Gebäude der CAU als ungeeignet für den Zweck, ein Ort für das Lernen und Lehren zu sein.

Auch wenn es als freundliche Nachfrage käme – ein “Könnt Ihr Eure Arbeiten nicht woanders erledigen?” wäre ziemlich unangebracht: “Ja, wo denn?” Es gibt in dieser Universität kaum Arbeitsplätze für Studenten. Ja, ich weiß, in der Bibliothek, da sind welche. Aber was wäre, wenn die halbe Mensa-Besatzung in die Bibliothek ginge? Vielleicht könnte die Bibliothek dann einen Catering-Service organisieren …

Daß es anders geht, habe ich schon vor Jahren an einer kleinen Universität in Schweden erfahren, in Karlstadt. Diese Universität hat in ihren Räumen Platz geschaffen, und das nicht nur für Hörsäle und Büros, sondern auch für Lerngruppen, für Gruppen, die ganze Tage zusammenbleiben oder eine halbe Stunde zwischen zwei Lehrveranstaltungen: Tischgruppen für vier bis zehn Leute, aber auch Sofas für zwei oder drei. In Kiel muß man sich den Ruf “Nutze die Stunde!” verkneifen, in Karlstadt kann man die Stunde ergreifen. Ach, übrigens, Mensen gibt es in Karlstadt auch, aber da wird … gegessen. Alle nebenan gezeigten Bilder sind aus Karlstadt.

Diverse Vorstöße bei der Universitätsleitung, doch wenigstens ein paar der vorhandenen Raumlücken für studentische Arbeitsplätze zu nutzen, stießen auf große Zustimmung – und nachfolgende Untätigkeit. Geldmangel, möglicher Verstoß gegen den Denkmalschutz, ich weiß nicht, was der Grund ist. Vielleicht geht das Präsidium nie zum Essen in die Mensa.

Die CAU – ein guter Ort für die Lehre? Lehre hat viele Formen. Eine ist nach wie vor sehr wichtig: die Vorlesung. Als Hochschullehrer/in fragt man sich schon manchmal, welche Berechtigung der mündliche Vortrag im Zeitalter von Buchdruck, World Wide Web und pdf noch hat. Sicherlich nicht den Zweck der Vervielfältigung. Vielleicht geht es um die Nebensätze, um die Zwischentöne, die nur der mündliche Vortrag kennt. Vielleicht geht es um die bewußte Hinwendung des Hörers zum Sprecher.

Es gibt andere “große” Räume, die eine ansteigende Bestuhlung wie ein Hörsaal haben: z.B. der Zuschauerraum eines Theaters oder eines Kinos. Das sind Räume, in denen man auf die Übermächtigkeit der Effekte, der Texte und Bilder setzt, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu behalten. Man leistet es sich in diesen Räumen sogar, das Licht auszumachen, wenn’s losgeht – ein regelmäßiger Donner hält die Zuschauer wach. Architektonische Merkmale: Die Bühne ist gerade, die Leinwand ist gerade, die Bestuhlung ist gerade. Donner ist laut.

Da das Zuhören bei Vorlesungen anstrengend ist und Anstrengung – zumindest nach einiger Zeit – gerne mit Schlaf quittiert wird, kann man es sich bei einer Vorlesung nicht leisten, das Licht auszumachen, wenn’s losgeht. Naja, eine Donnermaschine kann man sich als Hochschullehrer/in auch nicht leisten: Wissenschaft will durch das Argument überzeugen, nicht durch Krach. Was kann man tun – außer das Licht anzulassen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was man architektonisch nicht tun sollte, nämlich die Aufmerksamkeit durch eine gerade Bestuhlung in die Breite zu ziehen. Mein alles andere als revolutionärer Vorschlag: Die Aufmerksamkeit muß in der Anordnung der Sitze und Tische eine Mitte finden: den/die Vortragende/n. Also eine halbrunde oder mindestens leicht gekrümmte Anordnung. Einen Fokus für die Aufmerksamkeit  – dieses kostbare Gut, mit dem der/die Vortragende seine kleinen Nebensätzen und seine Zwischentöne bedacht wissen will. Ich glaube, es würde helfen. Und vielleicht helfen, die Vorlesung weniger antiquiert erscheinen lassen. Fast alle CAU-Hörsäle, die ich kenne, haben eine gerade Kinobestuhlung. But we do not love to entertain you.

Comments
3 Responses to “Es geht anders!”
  1. Norbert Luttenberger says:

    Nun muß ich mal meinen eigenen Post kommentieren. Das gehört sich zwar nicht, scheint mir hier aber ausnahmsweise mal angemessen.
    Im Post habe ich gefordert, daß die Vorlesungsräume anders gestaltet werden sollten. Auf der Seite eines Hotels habe ich die Fachtermini gelesen, die für die Bezeichnung der Varianten der Einrichtung großer Räume genutzt werden. Und dankenswerterweise wird auch die Raumkapazität in Abhängigkeit von Quadratmeterzahl und gewählter Einrichtungsvariante angegeben.
    Hier einige Beispiele:

    m² U-Form Parlament Bankett Theater
    42 m² 16 20 20 40
    82 m² 24 32 48 60
    126 m² 48 60 80 120
    208 m² 56 84 140 200

    • jbeck says:

      Durch Zufall bin ich gerade auf diesen Eintrag gestoßen und muss ihn aufgrund eigener Erfahrungen kritisieren. Ich studiere Informatik im Master an der CAU und habe im WS2010/11 im Bachelorstudium ein Auslandssemester an besagter kleiner Universität in KarlSTAD (nicht mit T! KarlstadT ist eine Stadt im Kreis Main-Spessart) absolviert.
      Schweden wird gerne als Beispiel für ein besonders vorbildliches Bildungssystem genommen, verbunden mit einem großen Bemühen für das Wohlergehen aller. Und das kann ich auch bestätigen und muss sagen, dass mir das Studium dort sehr gut gefallen hat. Die Art des Lernens fühlte sich weniger verschult an und dass man auch mal Zeit hatte, losgelöst von Lehrplänen etwas Interessantes nachzuforschen. Und eben dieser wie ich finde wirklich wichtige Faktor, dass das “Ambiente” stimmte. In einer “schöneren” Lernatmosphäre lernt es sich einfach besser. Man ist motivierter. Karlstads universitet wurde ja auch gerade erst frisch renoviert und auf den neuesten Stand gebracht. Die Unterrichts- und Vorlesungsräume waren durchweg wirklich schön eingerichtet und in Kombination mit der familiären schwedischen Art fast ein Grund zu bleiben.
      Für mich als Frau war es auch schön zu sehen, dass vergleichsweise “viele” Frauen in Karlstad Informatik studieren (etwa 1/3 der Studierenden sind Frauen). Aber das ist ein anderes Thema.

      Allerdings finde ich es trotzdem problematisch Karlstad als gutes Beispiel für eine Universität zu nehmen, in der man Platz hat, gemütlich essen zu gehen und getrennt davon irgendwo zu lernen. Na ja, das mit dem Lernen stimmt. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich irgendwo hinzusetzen (ja auch auf Sofas 🙂 ) und dort auch mit mehreren Leuten zu lernen. Plus die große, schöne Bibliothek, in der (für deutsche Verhältnisse wohl unglaublich) man reden und essen/trinken darf. ABER in den Mensen in Karlstad ist eigentlich genauso wenig Platz wie in Kiel. In Karlstad musste ich sogar öfter im Stehen essen als je zuvor in Kiel.
      In Karlstad studieren ein bisschen mehr als 12.000 Studenten (laut kau.se). Das “Gläntan” (1.Bild, es ist ja wirklich nicht größer als man auf diesem Bild sieht) war zu Stoßzeiten so voll, dass man manchmal mehr Zeit in der Schlange als beim Essen verbracht hat. Dazu kommen das Restaurant “Solsta Inn” und zwei weitere Cafés. Allerdings sind die jeweils auch nicht viel größer und nur von Dozenten und Professoren gut besucht, da die meisten Studenten sich diesen Luxus nicht jeden Tag leisten können. Das Essen dort ist auch für die schwedischen Studenten teuer (von den “verzweifelten” Studenten aus dem Ausland, die den schwedischen Lebensmittelpreisen nahezu geschockt gegenüber stehen, ganz zu schweigen). So haben die meisten sich etwas von zu Hause mitgebracht und es in einer der 20 Mikrowellen(!) im Bereich des “Gläntan” aufgewärmt. Übrigens wurde der Bereich auf dem zweiten Bild, der zum Lernen gedacht ist, mittags auch zum Essen genutzt, eben weil kein Platz war. Mittags gab es allgemein also eigentlich mehr Chaos als ich es je in Kiel gesehen habe. Eine bessere Lösung muss dort auch noch gefunden werden. Vor allem, da es auch in Karlstad jedes Jahr mehr Studierende gibt.

      Jetzt will ich auch nicht mehr kritisieren. Denn ansonsten finde ich, dass Sie absolut richtig liegen, dass der Platz zum Lernen eindeutig fehlt. Ich gehe für gewöhnlich zum Lernen in die (Fach-)Bibliothek, aber dort kann man eben nur bedingt in Gruppen lernen, was bei einem Fach wie der Informatik aber manchmal so wichtig ist. Es verleitet schon sehr dazu, dass man einfach vor dem heimischen PC sitzen bleibt und die Aufgaben via Mail oder einem Messenger klärt. Sehr förderlich für soziale Kontakte ist das nicht gerade…

      Ob ich einen Unterschied zwischen gerader Bestuhlung und eher runden Hörsälen sehe? Ich bin nicht sicher, aber ich glaube nicht. In Karlstad gibt es halbrunde Hörsäle wie die “Magna Aula”, vergleichbar mit Hörsälen im Audimax, aber auch die “normalen” geraden Seminarräume bzw. Hörsäle.
      Für mich wurden die Räume eher dadurch attraktiv, dass sie so hell und offen waren. Die Fenster gingen meist nicht nur nach draußen, sondern auch in das Gebäude, in den Flur. Anfangs dachte ich, es würde mich ablenken, aber das war ganz und gar nicht der Fall. Fragen Sie nicht warum, ich kann es nicht erklären.
      Eine Sache noch: In Karlstad hat man zumindest verstanden, dass man vor einer Tafel besser keinen Teppichboden hat 😉

  2. flip says:

    In der Tat ist der Nachholbedarf in punkto Lehr- und Lernumgebung an unserer Universität sehr hoch. Selbst an kleinen dänischen Hochschulen wie der in Slagelse sieht’s besser (anders!) aus als bei uns. Und an großen englischen Universitäten auch, z.B. kann ich mich erinnern, dass es mir im neuen Gebäude der “School of Informatics” der University of Edinburgh schwer fiel, die Sofas zu zählen. Noch schwieriger war es, die Fläche zu bestimmen, auf denen Sofas, Sessel und ähnliche Möbel zu finden waren. Die allgemein zugängliche und möblierte Dachterasse schien mir – mit Kieler Augen gesehen – nicht enden zu wollen.

    Ich frage mich (rein rhetorisch), ob in anderen Ländern mehr Geld für die Universitäten ausgegeben wird. Das wird immer wieder in der Presse gesagt, aber nicht nur das, die Statistiken geben dies auch wieder, z.B. die der OECD: http://dx.doi.org/10.1787/eag_highlights-2011-en. Deutschland gibt für seine Universitäten viel weniger Geld aus als andere Länder. Das scheint also eine einfache Erklärung zu sein.

    Wenn man aber ein wenig mehr in dem Bericht der OECD blättert, dann findet man auch Statistiken zum Akademisierungsgrad. Und das steht Deutschland auch ganz weit hinten. Was man wiederum so interpretieren könnte: Weniger Geld für weniger Student/inn/en. Was man daraus nun machen soll, ist mir überhaupt nicht klar …