Feedback! Oder lieber nicht?

In all meinen Vorlesungen stelle ich meinen persönlichen Werdegang vor. Ich verheimliche nicht, daß ich Elektrotechnik studiert habe. Das Fachgebiet nenne ich nicht immer: Es ist “Regelungstechnik”. “Regelungstechnik” könnte man auch übersetzen mit: “Die Kunst des richtigen Feedback”. Feedback heißt: Ich speise die Ausgangsgröße eines Systems so geschickt wieder in das System ein, daß sich der gewünschte Systemzustand ergibt. Beispiel: Im Zimmer möchte ich es im Winter schön warm haben: 22 °C. Das ist der gewünschte Zustand. Wenn es kälter ist, drehe ich die Heizung auf; wenn es wärmer ist, drehe ich sie zu. Ich nutze den tatsächlichen Zustand: “kälter”/”wärmer”, um eine Handlung einzuleiten, die die Herstellung des gewünschten Zustands zum Ziel hat. Feedback! Was ist die Kunst dabei? Drehe ich zuwenig auf, bleibt es zu lange kalt, drehe ich zuviel auf, wird es schnell zu warm, und ich muß wieder runterdrehen und da capo. Ich muß richtig aufdrehen.

Ich habe mich oft gefragt, warum es in der Hochschullehre so wenig Feedback gibt. Also: Warum die Studierenden nicht richtig aufdrehen. Da muß man doch tatsächlich diese lächerliche Evaluationswirtschaft mit TAN und Webformular einführen, damit man überhaupt etwas zu hören bekommt!

Neun mögliche Gründe, der neunte nur für uns als Informatiker.

Möglicher Grund 1: Der tatsächliche Zustand ist der gewünschte Zustand. Ich ziehe mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand das Unterlid meines rechten Auges um einen Zentimeter nach unten und schaue Dir, lieber Leser, in Dein linkes Auge. Sollte das wirklich der Fall sein?

Möglicher Grund 2: Das System ist so weit vom gewünschten Zustand weg, daß kein Feedback dieser Welt es wieder in den einstellbaren Bereich zurückbringen kann. Hmm. Mein Rat: Raus aus dem System!

Möglicher Grund 3: Das System ist nicht ganz und gar schlecht, aber so fest verpanzert und erstarrt, daß kein Feedback nix mehr nichts nützt. Superkatastrophe. Ey, isses echt so schlimm?

Möglicher Grund 4: Demnächst wird alles von alleine besser → Feedback überflüssig. Ich weiß: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mein Gott, was habe ich in meinem Zimmer schon gefroren! Und der Sommer ist einfach nicht gekommen!

Möglicher Grund 5: Feedback ist uncool. Lässige Leidensbereitschaft. Wie cool!

Möglicher Grund 6: Beim Feedback gebe ich zuviel von mir selber preis. Na klar, da ist was dran. Die Box unten im Diagramm oben links ist ein Sensor, der rauskriegt, wie denn der tatsächliche Systemzustand ist. Das gehört zum Feedback dazu. Irgendwie hat Hape Kerkeling recht: Das ganze Leben ist ein Quiz und wir sind nur die Kandidaten. Beim Quiz gibt man viel von sich preis, aber man kann auch viel gewinnen. Zumindest beim Fernsehquiz.

Möglicher Grund  7: Feedback ja, aber nur unter peers. Prof ist nicht peer, sondern Prüfer. Tja, in der Prüfung stimmt das ja auch, aber wirklich auch schon vorher? Das ganze liebe, lange Semester lang? Kann ich nicht glauben. Vielleicht ist ja der eine oder andere Prof mal nachtragend, aber dann hat das eher mit dem Wie des Feedback als mit dem Was zu tun. Glaube ich ganz fest.

Möglicher Grund 8: Feedback hilft doch sowieso nur der nächsten Generation. Na hoffentlich hilft’s der! Aber nur der?

Möglicher Grund 9: Keine coole Leidensbereitschaft, sondern abgehärtetes Fehler-Ertragen. Die Programmierübung ist nicht nur eine Übung im Programmieren, sondern auch eine Abhärtungsübung, Abhärtung gegen seelische Probleme beim Umgang mit Fehlern. Einer meiner Diplomanden hatte sich auf seinem Rechner den berüchtigten Windows Blue Screen als Bildschirmschoner eingestellt, um sich den Schreck beim Erscheinen eines wirklichen Blue Screen abzugewöhnen. Naja, und wenn man dann soweit ist, daß man die eigenen Fehler schmerzfrei ertragen kann, dann kann man doch auch die Fehler im ganzen Betrieb schmerzfrei ertragen. Oder?

Ich bitte um Feedback zu meinen Analysen und Vermutungen. Wenn nichts kommt, dann gibt’s neun mögliche Gründe dafür! Mindestens.

Comments
2 Responses to “Feedback! Oder lieber nicht?”
  1. Arnd Gongoll says:

    Ich möchte einen zehnten Punkt der Liste hinzufügen. Den Studenten wurde über 12 bzw. 13 Jahre in der Schule vermittelt, dass das lehrende Personal nicht an Feedback interessiert ist.
    Oder – was noch viel schlimmer ist – die Lehrer teilweise genau wissen, was die Schüler denken und trotzdem nichts an ihrem Unterrichtsstil ändern. Von tatenlos zusehenden Schulleitungen will ich hier gar nicht anfangen.

    Wenn man dann an der Universität plötzlich nach seiner Meinung zu einer Lehrveranstaltung gefragt wird, ist man schlicht überfordert, eine angemessene Bewertung abzugeben. Warum angemessen? Zumindest ich habe den Anspruch ein möglichst differenziertes Feedback zu geben. Es mag vielleicht ausreichen, wenn man sagt “tolle Veranstaltung”, andererseits reicht ein “hat mir nicht gefallen” in meinen Augen nicht aus. Der Dozent soll schließlich einen Hinweis darauf erhalten, welche Punkte an der Veranstaltung nicht gut angekommen sind.

    Außerdem traue ich mir im ersten Semester nicht unbedingt eine angemessene Bewertung zu. Diese Fähigkeit kann sich erst im Laufe der Semester entwickeln.

    Ein zweiter entscheidender Faktor ist der vom Studenten gefühlte Umgang mit dem Feedback. Gibt es eine Auswertung und Besprechung des Dozenten zu den Ergebnissen oder hört man von der Evaluation nie wieder etwas? Die Motivation für konstruktives Feedback steigt sicherlich in dem Moment, in dem die Studierenden bemerken, dass es auf der Seite der Dozenten eine – hoffentlich intensive – Auseinandersetzung mit den Evaluationsergebnissen gibt.

    Diese Auseinandersetzung ist erfreulicherweise schon bei einigen Dozenten vorhanden; für andere kann ich es nicht beurteilen, da ich deren Veranstaltungen nicht besuche.

    Prinzipiell finde ich den Einsatz von Evaluation in der Lehre sehr wichtig – die Motive, aus denen sie eingeführt wird, sind allerdings die falschen. Zu oft erfolgt Evaltuation, weil das in irgendeinem Buch über Qualitätssicherung geschrieben steht. Dabei sollte das Erreichen der Lernenden das Ziel der Lehrenden sein. Um festzustellen, ob man das erreicht hat, ist das Feedback der Lernenden ein geeignetes Mittel. Es sollte also ein Bedürfnis der Dozenten geben: “Lasst uns doch bitte unsere Veranstaltungen evaluieren!. Aber das ist wahrscheinlich eine andere Baustelle … (gibt es für Kommentare eigentlich eine Begrenzung der Zeichen?)

    Wenn wir also ein bisschen Zeit bekommen, um unsere Feedbackfähigkeit wieder aufleben zu lassen und wir vonseiten der Dozenten eine Auseinandersetzung damit erleben, kann es zu einer positiven Entwicklung für beide Seiten kommen.

    Wer dann immer noch nicht evaluieren will, dem helfen auch die o.g. neuen Gründe als Ausrede nicht weiter …

  2. Karulu says:

    Meine Erfahrung als Exstudentin ist, dass Feedback anstrengend ist. Es gibt definitiv Kurse, auf die Grund 2 und 3 zutreffen. Ich selbst hatte den Kurs überstanden und dann war ich froh, weg zu sein und mich nicht weiter damit auseinandersetzen zu müssen. Da hätte ich nur Feedback gegeben, hätte die Hoffnung bestanden, dass irgendjemand Oberes die betreffende Lehrperson entlässt. Das passiert an der Uni eher nicht – jedenfalls meiner Erfahrung nach zumindest nicht wegen schlechter Lehre.
    Dann gibt es die Kurse mit Dozenten, denen ich zugetraut habe, dass sie sich noch ändern, meistens weil sie nett sind, waren aber unsicher/Anfänger etc. Denen hätte ich vielleicht noch am ehesten Feedback gegeben, aber nettes 🙂 – der Dozent ist ja freundlich, und dann schafft der das schon allein, besser zu werden. Liegt ja nur an der Erfahrung (denkt man).
    Und dann gibt es noch die guten Dozenten. Da trifft dann (vor allem im Vergleich) schon auch öfters mal Grund 1 zu. Leider sind es meist die “guten” Dozenten, die gerne Feedback haben möchten, weil sie noch besser werden wollen.
    Meine Erfahrung als Dozentin ist, dass standardisiertes Feedback den Dozenten selten wirklich was bringt. Die Bewertungsfragen sind zu allgemein, treffen nicht zu, ich weiß die Gründe nicht etc. Aus den Freitextfragen haben wir in 4 Jahren 2 sehr gute Anregungen von Studenten bekommen und die auch sofort umgesetzt. Ansonsten habe ich mich viel gelobt gefühlt (auch schön!) und manchmal blöd kritisiert. Und ein direktes Feedback in einer Seminarsitzung ist selten negativ/konstuktiv, sondern meistens allgemein und positiv (bin halt wahrscheinlich auch nett). Schön wäre ein Feedback nach der Hälfte des Seminars, so dass die gleichen Studenten, die Feedback gegeben haben, auch die Auswirkungen spüren. Dafür ist in unserem Stundenplan definitiv keine Zeit. Und ich stimme auch dem Kollegen von oben zu: Können Studenten im-sagen-wir 3. Semester wirklich so viele konkrete Verbesserungsvorschläge bringen, auf die weder ich noch die Semester vorher gekommen sind? Oft gehts dann doch um Meinungen (zuviel Theorie, zuviel Praxis), die den nächsten dann wieder anders schmecken. Andererseits: die erwähnten beiden Feedbackperlen möchte ich nicht missen.