Future Web, Post 01

In einer Folge von Posts werde ich an dieser Stelle meine Gedanken zur Entwicklung des World Wide Web aufschreiben. Es sind meine persönlichen Ansichten, ich habe mich mit niemandem abgestimmt. Literaturhinweise wird es nur wenige geben. Was ich damit erreichen will? Vor allem eine Klärung der eigenen Gedanken, und wenn’s richtig gut läuft, eine Diskussion in diesem Blog.

Hier: Future Internet vs. Future Web

Das Thema “Future Internet” wird weltweit in einer Vielzahl von Projekten, Konferenzen und Workshops verhandelt. Nach meiner Kenntnis konzentrierte und konzentriert sich die Diskussion auf zwei Themen: (1) clean-slate vs. evolutionary approach und (2) Bereitstellung von Testbeds.

Das erstgenannte Thema ist bei genauerem Hinsehen eher unsinnig: Das heutige Internet abschaffen und stattdessen einen Nachfolger komplett neu erfinden zu wollen, für diese Neu-Erfindung die Eigenschaften “Fehlerfreiheit”, “Sicherheit” und “Eleganz” zu reklamieren, und zu behaupten, das Konzept für dieses neue Internet weltweit und in kürzester Zeit umsetzen zu können – das ist ein weder praktikabler noch glaubwürdiger Plan. Die Diskussion darf geführt werden, praktische Bedeutung hat sie nicht.

In Amerika, in Asien und in Europa wurden und werden große Finanzmittel in sog. Testbeds für das zukünftige Internet gesteckt: “Ich nehme das Geld und kaufe davon eine Menge von Rechnern, Routern und Strippen, und das alles frickle ich zu einem Netz zusammen. Dieses Netz leihe ich Dir, wenn Du mich davon überzeugen kannst, daß Du eine gute Idee für das zukünftige Internet hast; ich habe nämlich keine.” Der Testbed-Ansatz verbraucht viel Energie – die in der Hauptsache genutzt wird, um die Testbed-Betreiber in traveling salesmen zu verwandeln. Die Bereitstellung von Infrastruktur ist kein automatischer Stimulus für Fortschritt. Autobahnen in die Ödnis gebaut machen keine blühenden Landschaften.

Gelegentlich werden noch weitere Themen im Kontext “Future Internet” diskutiert, allen gemeinsam aber scheint mir zu sein, daß sie sich im wesentlich auf die Infrastruktur des Netzes beziehen, anders ausgedrückt auf die Schichten 1 – 4, oder noch anders ausgedrückt: auf den Transport von Daten, nicht auf deren Nutzung im Kontext von Applikationen. Zuverlässigkeit, Datenrate, Sicherheit – das sind die entscheidenden Anforderungen, die an diese Infrastruktur-Komponenten gestellt werden.

Ich denke, wenn man keine Technische Informatik hat, die in der Lage ist, eine eigene Highspeed-Infrastruktur-Plattform bereitzustellen, sollte man von diesen Themen die Finger lassen. Und außerdem: Die erwähnten Projekte sind alle schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Me-too ist unter den genannten Umständen nicht besonders intelligent.

Zusammengefaßt: Wir dürfen gespannt sein, ob – vielleicht abgesehen von IPv6 – die Infrastruktur des Internet eine entscheidende Neugestaltung erfährt. Ich jedenfalls glaube, daß Future Internet  kein Thema für Future IfI ist.

Anders verhält es sich meiner Meinung nach mit “Future Web”. Hier gibt es längst nicht so viele Projekte, die sich dieses Thema auf die Fahnen geschrieben haben, die Diskussion clean-slate vs. evolutionary approach ist auch hier müßig, und Testbeds braucht man nicht, da das World Wide Web in seiner heutigen Form selber das beste Testbed ist. Freier Raum für Kreativität! Und die läßt sich leider nicht herbeizwingen.

Im nächsten Post werde ich meine Sichten auf die Themen Web 2.0 und Semantic Web darstellen.

Comments
4 Responses to “Future Web, Post 01”
  1. Steffen Börm says:

    Das Thema “Future Web” hat den Charme, dass man hoffen darf, dass man mit guten Ideen auch ohne riesige Investitionen große Fortschritte erzielen kann. Die Idee hinter PageRank beispielsweise ist einfach, aber sehr erfolgreich. Eine bloße Erhöhung der Übertragungskapazität lohnt sich schließlich nur, wenn die Netznutzer schon wissen, was sie herunterladen wollen.

    • Wilhelm (Willi) Hasselbring says:

      Wenn wir schon ggf. die Technische Informatik “umwidmen”, erschiene es mir sinnvoller die unteren ISO/OSI-Schichten zu addressieren, um so einen gewissen Ausgleich diesbezüglich zu erhalten.
      Dass es dazu Hardware-Investitionen bedarf, würde ich weniger kritisch sehen, zumal diese sicherlich nicht exorbitant sein müssten.

      In der Tat ist der Begriff “Future Internet” (demnächst) möglicherweise “verbrannt”,
      so dass zB “Internet-Technologien” besser sein könnte.
      Das dürfte aber allen Begriffen mit “Future *” widerfahren 😉

      Das Thema Rechnernetze erscheint mir für die Informatik-Ausbildung sehr wichtig…

      • Michael Hanus says:

        Wenn es ein Schwerpunkt des Instituts werden soll, dann sollten wir nicht so
        sehr auf unteren technischen Schichten abzielen, weil diese dann
        höchstens nur durch eine AG wirklich abgedeckt werden könnten.
        Ich sehe den gemeinsamen Schwerpunkt des Instituts eher
        im SE-Bereich (siehe auch Kosse), so dass die oberen Schichten
        und die SW-Infrastruktur fuer uns relevanter sind. Insofern kann ich mich mit
        Norberts Analyse gut anfreunden.

  2. Reinhard von Hanxleden says:

    Super – dieses Brainstorming ist ein schöner Einstieg!