Future Web, Post 02

Jetzt sitze ich hier im Zug, auf dem Weg nach Berlin, unterwegs zu einem Workshop der Leibniz-Gemeinschaft zum Thema “Science 2.0”. Ich habe mir vorgenommen, im Zug einen Post zum Thema “Web 2.0” zu schreiben. Da beide Titel das ebenso kurze wie assoziationsreiche “2.0” mit sich führen, muß man davon ausgehen, daß da eine Verwandtschaftsbeziehung besteht. Und zwar eine hochgradige Verwandtschaftsbeziehung, höher jedenfalls, als er allein durch die Behauptung konstituiert werden könnte, in der zweiten Version in der Welt zu sein. Denn “2.0” ist nicht nur der Nachfolger von 1.0, wie das triviale Gemüt vermuten könnte – “2.0” ist anders, es ist wirklich, wirklich anders, das “anders” wird hier mit Augenaufschlag gesagt, es wird dem Freund vertraulich zugeraunt. Es gibt Systeme, mit denen plagen wir uns ihrer Version 17.3, und die sind weniger von ihrer Version 1.0 verschieden als das Web 1.0 vom Web 2.0. Versprochen wurde mir also eine andere Wissenschaft. Und das ist doch was, oder? Daß irgendwo in der Ankündigung zu Science 2.0 sinngemäß steht, daß es um den Transport der Paradigmen des Web 2.0 in die wissenschaftliche Welt geht, hat mich also beflügelt, und ich bin schon ziemlich gespannt auf den Workshop – hier zwischen Kiel und Berlin, eingekeilt von drei grauhaarigen Männern, ohne Netz. Dennoch: Könnte ich mir für meinen Vorsatz, etwas über das Web 2.0 zu schreiben, eine bessere Gelegenheit erhoffen?

Es sind zwei Beobachtungen, die mich beim Web 2.0 vor allem beschäftigen: Wie benutzerfreundlich Technik gestaltet werden kann, und wie schnell eine Technik sich in das Leben von Millionen von Benutzern untrennbar “einwebt”. Offensichtlich sind diese beiden Beobachtungen nicht unabhängig voneinander, aber es lohnt sich trotzdem, sie getrennt zu betrachten.

Das “Web 2.0” hat ein dominantes Definiens: Es ist das Netz, das user-generated content in einer unvorstellbaren Menge aufnimmt und zur Verfügung stellt. Auf der YouTube-Statistik-Seite kann man z.B. lesen: “Jede Minute werden 60 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen.”

Es gibt für den eher Text-orientierten user-generated content einige wenige, altbekannte Strukturierungen: ein Wiki ist thematisch geordnet, ein Blog chronologisch, und die sog. “sozialen” Netzwerke überlassen die Etablierung einer Ordnung ihren Benutzern – als ordnungsliebender Mensch habe ich mich deshalb entschieden, ein Non-Facebooker zu bleiben und mich auch dazu zu bekennen. (Google+ bietet gleich mehrere Ordnungsstrukturen an (“circles”) und schafft es dank seiner enormen Rechenkapazitäten, den vorhandenen content je nach Wunsch zur Verfügung zu stellen. Deshalb ist Google+ für mich akzeptabel.) Wikis enthalten natürlich auch chronologisch geordnetes Material, und einem Blog kann man dank sog. “categories” auch eine thematische Ordnung überstülpen. Die taz faßt es hier so zusammen: “Blogs sind was für Vielschreiber. Auf Twitter können 140-Zeichen-Textfetzen veröffentlicht werden, eine Art sozialer Herzrhythmusstörung. Youtube, Flickr und MySpace beherbergen Film, Foto und Sound. Facebook speichert den Smalltalk des Menschengeschlechts. Tumblr ist von allem etwas.”

Frappierend ist, daß es den Entwickler/inne/n, die wir – manchmal mit einem eher mitleidigen Lächeln – als HTML-Programmierer/innen bezeichnen, gelungen ist, die genannten Strukturierungshüllen für den user-generated content so zu entwerfen und zu realisieren, daß sie einfach und unmittelbar zu benutzen sind. Wow! Informatik – war/ist das in den Augen der meisten Menschen nicht diejenige Wissenschaft, die eine “eigentlich” nützliche Technik hervorgebracht hat, die sich aber eine Kompliziertheit leistet, die vor Benutzung eine mittlere Hirnwäsche erfordert, und die für mehr Pleiten, Pech und Pannen verantwortlich ist als jeder Baumarkt mit seinen Sonderangeboten zum Wochenende. Und nun! — jederman, jedefrau nutzt IT!, das materielle Derivat unserer Wissenschaft! Am Definieren einer Formatvorlage für WORD scheitern Millionen von Büroangestellten, Blog und Facebook kann jeder. MS Office gibt es in der vierzehnten Version (wenn ich das richtig sehe), und das Web erst in der zweiten. Ich bin begeistert, wirklich.

Noch ein Bekenntnis: Ich lese mit gewisser Leidenschaft Kochblogs. Da wird von exzellenten Köchinnen und Köchen Material zur Verfügung gestellt, das in Qualität, Ästhetik und Unterhaltungswert locker die Auseinandersetzung des Fernsehens mit dem Massenphänomen “Kochen” toppt. (Das Stichwort “Qualität” bezieht sich sowohl auf die textuelle Gestaltung als auch auf die materielle Qualität der propagierten Rezepte — Kochbücher zu kaufen, ist bei mir passé.) Kochst Du, liebe Leserin, lieber Leser, ähnlich gerne wie ich, dann empfehle ich Dir die Blogs von Arthurs Tochter und Katharina Seiser. In ihrem werbefreien Blog schreibt Katharina Seiser mit Stolz (und in konsequenter Kleinschrift): ” ich habe mir grade den spaß gemacht, die fünf teile [des Berichts über das Restaurant noma in Kopenhagen] in ein word-file zu kopieren und die zeichen zu zählen (lassen): knapp 30.000 zeichen habe ich hier auf esskultur.at übers noma geschrieben! plus 45 bilder! solche restaurantberichte gibt’s in keinem mir bekannten magazin. das wären nach meinen üblichen maßstäben zwei große geschichten (sprich: ca. zehn seiten) in einem magazin oder sechs seiten im rondo (zeitungsformat). nur kriege ich hier kein geld dafür. zeitaufwand: schätzungsweise insgesamt 15 stunden für schreiben, lesen, korrigieren, ändern, verlinken, bilder auswählen, runterrechnen und hochladen…” Und ich, der ich es hätte besser wissen müssen, habe lange Zeit gedacht, daß das Bloggen irgend etwas für geistige Exhibitionisten ist, die sich enthalten können, das in früheren Zeiten mit einem kleinen Schlüsselchen kokett verschlossene Tagebuch nun ohne Schlüsselchen der Weltgemeinde zur Verfügung zu stellen. Welch ein Irrtum.

Die meisten dieser Kochblogs nutzen WordPress oder das von Google angebotene Blogspot. Kein Blog sieht wie der andere aus, alle sind höchst individuell, manche sind klein, manche sind riesig — aber für alle diese Töpfchen reichen zwei Deckelchen. Um im Bild zu bleiben.

(Bevor man mir einen allzu privatistischen Standpunkt vorwirft: Ich spreche hier politische Blogs und ihren Beitrag zu gesellschaftlichen Umwälzungen bewußt nicht an, da einerseits dazu schon genug gesagt worden ist, und da andererseits meiner Überzeugung nach die politisch überzeugten Menschen der Not gehorchend sicherlich auch mit einer komplizierteren Technik zurechtgekommen sind bzw. wären. Die großen Leserzahlen, die sie gewinnen konnten, sind aber ohne das Phänomen Web 2.0 eher nicht denkbar.)

Benutzerfreundliche Technik also einerseits. “Einweben” ins Alltagsleben andererseits. Das Web 2.0 ist für viele, viele Menschen zum Bestandteil des Alltagslebens geworden, ohne daß es dafür Zwang oder Notwendigkeit gebraucht hätte. Auch das ein Phänomen, das in dieser Form sicherlich niemand vorhergesehen hat. Es gibt so etwas wie ein Mitteilungsbedürfnis, und dieses Bedürfnis kann offensichtlich nicht allein per Telefon gestillt werden. Zu diesem Mitteilungsbedürfnis gehört auch — man mag es gar nicht glauben — das geschriebene Wort dazu. In der Schule ist der Aufsatz verhaßt, im Leben ist der Blog beliebt. Da ist er wieder, der kleine Unterschied zwischen Schule und Leben! (Im folgenden geht’s nicht mehr um Web 2.0 in schöner Allgemeinheit, sondern nur noch um den Blog — ich habe da meine persönlichen Vorlieben.)

Zu meinen prägenden Schulerfahrungen gehört die Einübung in bestimmte “Textsorten” (so heißt das, glaube ich, in der Linguistik); es gibt die Abenteuergeschichte, die Bildbeschreibung, die Erörterung (und noch ein paar andere). Wenn man eine 2.0 in Deutsch haben will, muß man verstanden haben, wie diese Textsorten “funktionieren”, d.h. welche Gliederungspunkte erwartet werden, und welche stilistischen Elemente gewünscht und welche verpönt sind. Ein herzhaftes Schimpfwort darf in einen Abenteueraufsatz hineingeschrieben werden, nicht aber in eine Eröterung.

In unserem Leben 2.0 gibt es eine neue Textsorte: den Blog-Post. Wenn ich ihn charakterisieren wollte, würde ich auf eine Stilrichtung der bildenden Kunst zurückgreifen: Der Post ist impressionistisch. Es geht nicht um präzise Wiedergabe eines statischen Sachverhalts; das äußere Geschehen, von dem das schreibende/malende Ich erfaßt wird, dient nur als Anstoß zur Reflexion; Licht und Schatten sind wichtiger als Konturen. Im “klassischen” Blog-Post sieht sich das schreibende Ich einer Situation ausgesetzt, die eine Reflexion verdient. Die Reflexion ist schnell hingeworfen, bleibt unsystematisch, und im besten Fall sagt sie mindestens genauso viel über den Autor/die Autorin wie über den auslösenden Anlaß. Der scheint am Ende des Textes fast austauschbar zu sein.

Die digitale Photographie reicht dem Blog in schöner Freundschaft die Hand: Was wäre der impressionistische Text des Blog-Post ohne das schnelle Photo? Das Photo, das den Text in eine bestimmte Stimmung einfärbt, ihn verstärkt, ironisiert, vereinfacht, … Zwei Erfindungen, die sich gegenseitig in ungeahnter Weise verstärken.

Das Angebot, Texte der Sorte “Post” schnell und einfach erstellen zu können, hat das Web 2.0 zum Erfolg werden lassen.

Vor diesem Hintergrund scheint mir der Begriff eines “wissenschaftlichen Blog” eher problematisch zu sein. Aber Bloggen, um Wissenschaft zu kommunizieren, das scheint mir umso notwendiger zu sein. Und auch die Kommunikation von kooperierenden Wisschenschaftlern untereinander kann von den Techniken des Web 2.0 erheblich profitieren. Weg mit der Website, her mit dem Blog!

Ach übrigens, ich sitze jetzt gerade im Zug auf der Rückfahrt von Berlin nach Kiel. Ob denn nun klar geworden ist, was das ist: Science 2.0? Ehrlicherweise ist es mit “Science 2.0” so, wie es der heilige Augustinus in seinen Confessiones von der “Zeit” gesagt hat: “„Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.“

Comments are closed.