Future Web, Post 04

Die Telekom stellt jedermann/jederfrau 25 GByte Speicherplatz kostenlos im Netz zur Verfügung! Wow! Speicher kostet nix, Netz kostet nix, alles kostet nix. Und die Telekom ist ja nicht der einzige Anbieter, der einem solche Angebote macht. Also, ich werde jetzt den Teufel tun und eine Aufzählung der Anbieter versuchen. Was mich – neben meinem prächtig entwickelten Schnäppchenjäger-Instinkt – dazu treibt, mich mit solchen Angeboten zu beschäftigen, ist die Frage nach dem Zusammenhang von “Web” und “Cloud”. Der Reihe nach. Wir starten mit “Cloud” (obwohl es hier doch eigentlich um “Web” gehen sollte).

Die Autoren Peter Mell und Tim Grance vom amerikanischen National Institute of Standards and Technology definieren den Begriff “Cloud Computing” wie folgt: “Cloud computing is a model for enabling convenient, on-demand network access to a shared pool of configurable computing resources (e.g., networks, servers, storage, applications, and services) that can be rapidly provisioned and released with minimal management effort or service provider interaction.” (Version 15, 2010) (Ich werde mich in diesem Post vor allem mit der Ressource storage beschäftigen; andere Ressourcen, wie sie in der Definition von Mell und Grance genannt werden, behandle ich eher knapp.)

Das oben zitierte Telekom-Angebot paßt in diese Definition, es ist ein Cloud-Angebot: Die Telekom stellt 25 GByte der computing resource “storage” im Netz bereit; der Management-Aufwand ist minimal: Ich muß mich nur schnell über das Web anmelden. Bumm! Der von der Telekom bereitgestellte Speicher integriert sich (beinahe) nahtlos in die lokale Verzeichnisstruktur, die die Benutzerin auf ihrem PC pflegt: Unter Windows ist ein neues Laufwerk entstanden, dem man einen frei wählbaren Namen geben kann. (Die Vergabe eines Laufwerksbuchstabens erfordert leider weitere Tricks.) Ich kann meine Dateien auf diesem Laufwerk ablegen, ich kann sie von dort lesen. Die Performance ist, wie sie ist. Ich habe eine Menge Speicher mehr. Nochmal bumm!

Soweit so gut. Wir sind durch mit der Cloud. Und was hat das mit dem “Web” zu tun?

Für die Dateien, die ich auf meinem Telekom-Laufwerk ablege, vergibt die Telekom einen URL, einen Uniform Resource Locator! Damit sind diese Dateien auf einmal Resourcen im World Wide Web! Das ist doch großartig! Damit kann  jeder, der den entsprechenden URL hat, auf diese Dateien zugreifen! Dieser URL ist so gestaltet, daß er nicht erraten werden kann, und somit kann ich – ein bißchen – steuern, wer zugreifen kann: Nur die Leute, denen ich diesen URL zukommen lasse. (Naja, und die Telekom. Najanaja, und die Leute, die “meinen” Link über Dritte bekommen haben …)

Die Telekom stellt ein HTML-basiertes web front end zur Verfügung, über das ich mir anschauen kann, welche Dateien ich auf meinem Telekom-Laufwerk abgelegt habe. Und über das ich mir die beschriebenen URLs angeben lassen kann. Ich habe damit zwei Sichten auf dieses Laufwerk: eine über meinen Windows (File) Explorer und eine über meinen Web Browser. Ein spezieller Client und ein “Universal Client”. Web und Cloud sind auf einmal zusammengewachsen.

Wie’s funktioniert? Ich denke, die gemeinsame technische Basis von “Web” und “Cloud” ist das Hypertext Transfer Protocol (HTTP). Beim ersten Durchlesen der RFCs 1945 und 2616 merkt man gar nicht so recht, womit man es zu tun bekommt. Allerdings sollten die einführenden Sätze von RFC 2616 aufhorchen lassen: “The Hypertext Transfer Protocol (HTTP) is an application-level protocol for distributed, collaborative, hypermedia information systems. It … can be used for many tasks beyond its use for hypertext, such as name servers and distributed object management systems, through extension of its request methods, error codes and headers … .” Es ist genau diese extension of HTTP’s request methods, die sich der Web-based Distributed Authoring and Versioning-Standard (WebDAV) zunutze macht, und mit denen sich Cloud-Ressourcen in Web-Ressourcen verwandeln lassen: “DAV is completing the original vision of the Web as a writeable, collaborative medium. … DAV [leverages] the success of HTTP in being a standard access layer for a wide range of storage repositories — HTTP gave [users] read access, while DAV gives them write access.” (aus dem FAQ von http://www.webdav.org) Auf der Basis des gleichen Ansatzes zielen CalDAV und CardDAV auf den Web-basierten Zugriff auf Kalender- und Kontaktdaten. Der HTTP-Port 80 wird damit zur universellen Eintrittstür für alle möglichen Dienste. Die deutsche Wikipedia schreibt: “Durch die enorme Verbreitung des World Wide Web zählt der von HTTP genutzte Port 80 zu den Ports, die bei Firewalls in der Regel nicht blockiert werden.” (http://de.wikipedia.org/wiki/WebDAV, es folgt eine differenzierte Betrachtung der WebDAV-Sicherheitsmechanismen.)

Vor diesem Hintergrund scheint mir klar, daß man “Web” und “Cloud” nur als engstens miteinander verbundene Technologien betrachten kann. Und wenn man dann noch sieht, daß sich die Ressourcen-“Armut” mobiler Geräte mit dem kombinierten Web- und Cloud-Ansatz auf einfache und elegante Weise kompensieren läßt, dann wird vollends deutlich, daß die Beratungsagentur Gartner mit der folgenden Prognose wahrscheinlich gar nicht so falsch liegt: “The reign of the personal computer as the sole corporate access device is coming to a close, and by 2014, the personal cloud will replace the personal computer at the center of users’ digital lives …” (http://www.gartner.com/it/page.jsp?id=1947315).

Stefan Zweig schreibt in seiner Novelle “Das erste Wort über den Ozean”, in der es um die Verlegung des ersten transatlantischen Tiefseekabels geht: “Glücklicherweise reicht nun in den Zeiten des Fortschritts eine Erfindung der anderen hilfreich die Hand.” Was Stefan Zweig auf Telegraphie und Kabeltechnik bezieht, läßt sich heute auf “Web” und “Cloud” beziehen: Die Cloud nutzt die Technologie des Web, und das Web nutzt die Technologie des Cloud Computing.

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