Unterwegs. Unterwegs?

1,2 Mio. Besucher im Jahr 2011 und Jesper Zedlitz können sich nicht irren: Das Miniatur-Wunderland (MiWuLa) in Hamburg muß man gesehen haben. Die AG ComSys steigt in einen echten Zug und fährt hin.

Aussteigen im Hamburger Hbf. und dann großstädtisch-lässiges Anpirschen: Vom Bahnhof durch das Kontorhausviertel zum Gewürzmuseum in der Speicherstadt; im Gewürzmuseum den erwarteten Hunger gekriegt und dann im Schoppenhauer auf der anderen Seite vom Fleet gegessen … und jetzt nur noch über die Brücke zurück in die Speicherstadt.

Das Miniatur-Wunderland ist wirklich umwerfend.

Neben der faszinierenden Technik, die all die Züge, Autos und Flugzeuge bewegt, neben der überall erkennbaren Begeisterung für die Details der Landschaft, der Architektur und der Verkehrswege, neben der wirklich überbordenden Lust am Erzählen von Geschichten mit Figürchen, neben der aus allen Ritzen quellenden kindlichen Freude, sich einen Lebenstraum erfüllt zu haben, und schließlich: neben dem irren Triumph, in der Stadt der nüchtern rechnenden Pfeffersäcke ein “Wunderland” geschaffen zu haben, neben all diesem, das allein schon den Besuch lohnt, neben all diesem ist es noch etwas ganz anderes, das mich im MiWuLa bewegt hat:

Wir sehen eine von Verkehrswegen und -anlagen völlig zerschnittene Landschaft, eine Landschaft, die vom höchsten Alpengipfel bis hinab zum Meeresspiegel der intensivsten Nutzung unterworfen ist, eine Landschaft, in der es keine Ruhe mehr gibt, sondern nur noch Krach und Bewegung – Und wir sind begeistert! Es ist niedlich, richtig niedlich! Sogar der naturalistisch nachgeahmte Dreck und Staub: niedlich! Man sieht das alles – und zwar mit Freude!

Es ist, als ob das MiWuLa dem Menschen für all sein brutales Eingreifen in die Natur eine fröhlich-kindliche Absolution erteilt.

Noch etwas anderes ist mir durch den Kopf gegangen: Hier wird Mobilität gefeiert! Schaut man die einzelnen Szenen an, die da mit soviel Detailversessenheit nachgestellt sind, dann entdeckt man bei sich selbst, daß man sich bei jeder Szene zuerst ein und die gleiche Frage stellt: Was bewegt sich in dieser Szene und was nicht? Dem bewegten Zug, dem bewegten Auto schaut man nach … um dann mit den Augen unweigerlich in der nächsten Szene zu landen. Da capo! Nur Bewegung gilt. Es ist wie im Leben. (Daß ausgerechnet ein Speicher, der gemeinhin als Ort der Ruhe verstanden wird, zu einem Tempel der Bewegung gemacht worden ist, steigert diesen Effekt des Mitgerissenwerdens nicht unerheblich.)

Wir hatten das Glück, an einer Führung teilnehmen zu können, die auch das zeigt, was hinter den Kulissen ist. 58% der Gleise sind für den “normalen” Betrachter unsichtbar; sie führen unter den “Landschaften” durch. Die ganze Anlage besteht derzeit aus insgesamt 20 sog. Gleisbildern, die durch die verborgenen Gleise zu kreisförmigen Wegen in sich abgeschlossen werden. Dabei sind die Gleisbilder so geschickt ineinander verschlungen, daß die Beobachterin sie kaum “auseinanderdividieren” kann. Die gewaltigen Landschaftskulissen beherbergen auch die sog. Schattenbahnhöfe, in denen Züge auf ihren Einsatz warten. Komplizierte Wege, versteckte Wege, Züge mit langen, ineinander verschachtelten Einsatzzyklen: Sie verbergen dem Betrachter, daß es hier nur um eins geht: Im Kreise fahren. Wie in Lummerland. Wo Lukas seine Emma unverdrossen im Kreise fahren läßt. (Bestimmt habe ich jetzt bald einen Pufferküsser am Hals, der das Gleisbild von Lummerland besser kennt, als ich es von der Augsburger Puppenkiste her in Erinnerung habe.) Lummerland bezieht seinen Charme aus der offensichtlich erkennbaren Sinnlosigkeit der Bewegung, das MiWuLa bezieht seinen Charme aus der geschickt kaschierten Sinnlosigkeit der Bewegung.

Motion is progress. Oder?

Comments are closed.