Was bitte ist ein ECTS-Punkt?

Ich bin der festen Überzeugung, daß alle Informatiker als Kinder mit LEGO-Klötzen gespielt haben. Die lustvolle Erfahrung, daß sich höchst unterschiedliche, aber immer neue und komplexe Gebilde aus elementar gestalteten Komponenten mit einfach faßlichen Klemmstellen unter Einhaltung eines nur kleinen Regelsatzes bauen lassen, hat bestimmt nicht nur bei mir den Wunsch erzeugt, das Kinderspiel auf andere Weltobjekte zu übertragen. Klingen nicht die Vorworte zu vielen Software-Engineering-Büchern tatsächlich wie ein How-to-play-with-LEGO-blocks? Nun, da Software-Komponenten (leider!) doch nicht so einfach strukturiert sind wie LEGO-Klötze, muß man sich durch die anderen Kapitel solcher Bücher eher mühsam durchbeißen. Ein Traum ging verloren …

Aber es gibt ja noch andere Weltobjekte als nur Software-Komponenten: Für die Hochschullehrer unter den Informatikern wurde die Erinnerung ans LEGO-Spielen schlagartig reaktiviert, als es hieß, das Studium der Informatik solle im Zuge der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge “modularisiert” werden. Wow! das klingt doch nach LEGO!

Die Uni ist eine große Kiste, in der lauter Bildungsklötze drin sind, und die Studierenden fischen sich diejenigen heraus, die sie meinen zu brauchen, und die Studienberaterinnen sagen ihnen, welcher Klotz mit welchem gut klemmt, und fertig ist die Laube. Naja, die kleine Einschränkung, daß nicht jeder Bildungsklotz auf jeden anderen draufgeklemmt werden kann, weil Wissen manchmal Vorwissen verlangt – das wurde nur als kleine Störung in der Klotzwelt betrachtet, die bei gutem Willen aller Beteiligten nicht dazu angetan wäre, die Vorstellung von der vollkommenen Klemmstellenkompatibilität der Bildungsklötze ernsthaft zu beschädigen.

Wir – die Hochschullehrer – haben nicht den Wahn der Bürokraten bedacht, als wir uns erneut der LEGO-Welt hingegeben haben.

Denn die Bürokraten haben nun verlangt, daß an jeden Klotz eine kleine Ganzzahl m geschrieben wird, die die Vermutung ausdrückt, daß der/die Studierende im Semester m × 30 h benötigt, um den jeweiligen Klotz zu verbauen. (In der Bürokratensprache: Jeder Modul hat m ECTS-Punkte.) Eine solche Vermutung zu begründen, ist schon schwierig genug – wir können doch die Schreibtische unserer Studierenden nicht mit Webcams ausstatten, um herauszufinden, wielange sie an welchem Klotz herumklemmen! Aber das ist nur die eine Schwierigkeit, eine andere, ernstere, härtere kommt hinzu. Wir erinnern uns an unschönen Stunden bei LEGO-Spiel (die Stunden, die wir immer vergessen wollten): Da hat man eine schöne Ritterburg gebaut, mit Turm, Palas, Zugbrücke und Wehrgang – und dann fehlt doch tatsächlich ein letzter roter Vierer, der die Zinne ganz rechts auf der Mauer krönt!!! Man wühlt in der Kiste – und findet keinen. Achter sind noch da, Zweier auch (aber keine zwei roten), aber keine Vierer!

Für das Bachelor-Studium ist m=150 gesetzt, weniger geht nicht. Mehr geht, ist aber nicht erwünscht. Nun könnte man ja sagen, wir schreiben an jeden Bildungsklotz einfach den gleichen Wert für m an, so daß es am Ende aufgeht, aber … da haben wir nicht mit dem professoralen Gockelfaktor gerechnet: “Also Herr Kollege, mein Modul ist doch von höherer Wertigkeit als Ihrer, also ich bitte Sie!” (Anders formuliert: Meine Klötze sind dicker als Deine Klötze.) Der Traum ist aus – aus den Klötzen sind Fragmente geworden. Zu “Fragmenten” gehört Fragmentierung, und dazu gehört Lückenbildung. Der arme Studienberater! Bei m < 150 gibt’s keinen Bachelor, bei m > 150 stöhnt der Student: “Das Studium ist in der vorgesehenen Zeit nicht studierbar!” Kaugummi kauen und die Lücken damit füllen – iiihhhhhhhhhh!

Die LEGO-Klötze, mit denen ich gespielt habe, waren universell einsetzbar, man konnte alles mögliche damit bauen, vom Schiff bis zum Flugzeug; heute verkauft LEGO immer mehr Spezialklötze, die nur für ein bestimmtes, auf der Packung abgebildetes Gebilde taugen: Aus dem lustvollen Bauen ist ein “Einmal-Nachbauen” geworden. Naja, und wenn man das auf Weltobjekte vom Typ “Bildungsklotz” überträgt, da kommt etwas ziemlich vorgefertigtes, wenig individuelles heraus. Wäre ich heute noch Kind, dann wäre mein Lustfaktor dabei ziemlich gering …

Comments
2 Responses to “Was bitte ist ein ECTS-Punkt?”
  1. tekkentux says:

    Ja so ist es leider,

    aber nicht nur der Verschnitt ist das Problem. Viel schlimmer ist, dass von den 180 ects gerade mal 17 überhaupt frei gewählt werden dürfen.
    Man kriegt also nicht nur “Spezialklötze” geliefert, sondern die Burg liegt sogar schon zusammengebaut im Karton und man darf bis auf die farbe der Fähnchen nichtmal mehr was daran umbauen!

    So macht Lego spielen doch erst richtig Spaß!

    🙁

  2. Ex-Präsident says:

    Zitat: Der arme Studienberater! Bei m 150 stöhnt der Student: “Das Studium ist in der vorgesehenen Zeit nicht studierbar!”

    Ich freue mich zu lesen, dass auch Dozenten selbst diese Problematik erkannt haben und offensichtlich mit leiden. Ich bin einer der wenigen, die letzteres (wenn auch nur mit 2 Punkten mehr) durchgemacht haben. Und ich kann sagen, dass diese Art des Studiums nicht der entspricht, die man vorher von so vielen gehört und sehnsüchtigst erwartet hat.

    “Studium heißt doch Feiern!”

    Tja, und so rückte die Arbeit immer mehr in den Vordergrund. Ich musste immer mehr persönliche Termine verschieben und teilweise absagen, die Freundin begann immer mehr an zu nörgeln “Du hast ja kaum noch Zeit” und die Übungsaufgaben wurden immer mehr zur Qual, weil ich zeiteffizient arbeiten musste. Es war nicht mehr möglich, sich einer Sache freiwillig genauer hinzugeben. Rein aus Interesse, nur so zum Spaß. Die Übungsaufgaben mussten schnell erledigt werden, damit immerhin noch der Freitagabend und ein Tag am WE mit Freunden und Freundin verbracht werden konnte.

    Und noch einen Spruch habe ich x-Mal kassieren müssen:

    “Waaaaas, Sie studieren in der Woche länger als ich arbeite. Über 40 Stunden? Aber, höhö, Sie sind doch nur Student.”

    Ja, ihr “alten” Glückspilze (Ich hoffe, ich habe hiermit nicht meinen ehemaligen Prof und andere beleidigt^^). Damals vor 10, 20, 30 Jahren gab es noch keinen (so großen) Druck von der Politik und vom Arbeitsmarkt. Das verstehen die meisten Dipls in der Industrie absolut gar nicht. Und selbst einige ältere wiss. Mitarbeiter zeigen nur mit einem Schmunzeln heuchlerisches Mitleid. Denn nebenbei werden “lustige” Kommentare abgegeben, wie zum Beispiel: “Was habt du denn die ganze Woche gemacht? Du studierst doch nur und arbeitest nicht noch nebenbei.” Oder “Du schreibst das Semester doch nur die Masterarbeit, da kannst du doch noch locker 2-3 Vorlesungen hören und arbeiten”.

    Aber jetzt habe ich mein Informatikstudium in Regelstudienzeit hinter mir und freue mich auf geregelte Arbeitszeiten. Auch hier: Wenn ich das jemandem im Arbeitsleben sage, fallen demjenigen fast die Augen aus dem Kopf! Dabei ist das so einfach nachzuvollziehen: Nur noch 8 Stunden täglich, nur 5 Tage die Woche, die WEs sind völlig frei und jeden Abend kann man sich nach hinten lehen und entspannen. Übungsaufgaben und Lernen für Prüfungen bis in die Nacht sind dann Geschichte. Ja, stellt euch das mal vor, liebes “Arbeitervolk” 😉

    Achja, ich kann Herrn Luttenberger verstehen: Schreiben befreit (ein wenig) 😉

    P.S. an tekkentux: Ich finde das Pflichtprogramm im Bachelor richtig. Die meisten Informatiker können die grundlegendsten Grundlagen nicht. Jeder Beruf hat aber gewisse Grundlagen, die im Kopf sein solten.