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goldener Fisch 001Es würde mir schmeicheln, wenn mich in diesem Semester irgendjemand im Hörsaal vermissen würde. “Herr Luttenberger, wo sind Sie, was machen Sie?” Nun, ich habe das Glück, ein Forschungssemester einlegen zu dürfen, d.h. ich widme mich ein Semester lang einer Forschungsfrage, die so schwierig ist, dass ich all meine Zeit dafür brauche. Das ist ein schönes Privileg, das wir Professoren haben. Nach sieben Semestern mit Lehrverpflichtungen dürfen wir uns im achten Semester ganz auf eine einzige Aufgabe konzentrieren.

Was das für eine Aufgabe ist? Um die Frage zu beantworten, muss ich zunächst eine Geschichte erzählen, die ich vor Jahren in einer mittlerweile verschollenen Quelle gelesen habe. Ich kriege sie leider nicht mehr vollständig zusammen.

Vor kurzer Zeit gab es einmal einen gemeinsamen Weltkongress der Ingenieure und Schamanen. Er sollte dem Gedankenaustausch zwischen den jüngsten, alertesten und smartesten Ingenieuren und den ältesten, gelehrtesten und erfahrensten Schamanen dienen. Der Kongress kam nur zögerlich in Gang, die Ingenieure versammelten sich in der einen Ecke des Tagungsraums und spielten mit ihren neuesten Smartphones, die Schamanen versammelten sich in der anderen Ecke und rasselten mit ihren Wahrsageknöchelchen. Aber nach einiger Zeit der Verlegenheit wollten die Ingenieure loslegen, und sie wollten protzen: “Wir leben in einer Zeit des enormen Fortschritts. Wir haben Autos, und damit können wir überall hinfahren.” Die Schamanen waren sprachlos. Bis einer von ihnen fragte, wie das denn wohl gehen könne. “Naja, wir bauen Straßen, und darauf können die Autos dann überall hinfahren.” Ein Schamane fing an zu kichern und sagte: “Bevor Eure Autos fahren können, müsst Ihr die Welt also erst befahrbar machen? Ja, dann ist es doch ganz einfach, überall hinzufahren!” Die Ingenieure wurden ärgerlich wegen so viel Ignoranz und starteten weitere Versuche, die Schamanen zu beeindrucken – und scheiterten auf gleiche Weise. Schließlich ließ sich einer der Ingenieure zu einem letzten Protzversuch verleiten: “Wir haben so mächtige Computer, dass wir alles, alles, alles berechnen können, was es auf der Welt gibt.” Das war nun ganz und gar unvorstellbar für die Schamanen, und sie verfielen wieder in Sprachlosigkeit. Bis endlich der Weißhaarigste und Zahnloseste der Schamanen – Merke: Diese Superlative sind nur bei Schamanen zulässig! − anfing zu kichern und sagte: “Also, bevor Ihr die Welt berechnen könnt, müsst Ihr sie wohl erst berechenbar machen? … Ja, dann ist es doch ganz einfach, alles, alles, alles zu berechnen!”

Ich weiß nicht, wie es weitergegangen ist auf diesem Weltkongress − die Geschichte, die ich gelesen habe, schweigt sich da aus. Sie ist mir auf jedem Fall auch ohne ein angemessenes Schlusskapitel im Kopf geblieben. Und ich habe bemerkt, dass ich, seitdem ich die Geschichte gelesen habe, ein bisschen wie ein Schamane denke: Die Herbeiführung der Berechenbarkeit ist die schwierige Aufgabe, der Rest ist einfach.

Und was das jetzt mit meinem Forschungssemester zu tun hat? Ich möchte gerne herausfinden, was semantische Technologien dazu beitragen können, wirtschaftliche Vorgänge besser berechenbar (was hier nicht heißt: vorhersagbar) zu machen.  Anders formuliert: Ich beschäftige mich mit der Semantifizierung von Wirtschaftsstatistiken. Offensichtlich werden Wirtschaftsstatistiken schon seit langer Zeit geführt und genutzt, und ebenso offensichtlich sind Statistiken das Mittel der Wahl, um wirtschaftliche Vorgänge berechenbar zu machen. Versucht man jedoch, eine Statistik zu einem bestimmten wirtschaftlichen Vorgang (z.B. “Warenausfuhr”) über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, dann wird man bemerken, dass sich die in diesen Statistiken verwendeten Begriffssammlungen (z.B. die Liste der Warenbezeichnungen) im Laufe der Zeit sehr stark verändert haben – was ja kein Wunder ist, da sich ja auch die Wirtschaft sehr stark verändert hat, insbesondere natürlich, was die Art und Vielfalt der hergestellten, gehandelten, eingeführten und ausgeführten Waren betrifft. Meine Forschungsfrage also nun präzisiert: Können uns semantische Technologien helfen, mit sich verändernden Begriffssammlungen besser umzugehen, insbesondere mit Begriffssammlungen (“Nomenklaturen”), die die Welt der Waren beschreiben? Ich denke, es ist gut nachvollziehbar, warum diese Fragestellung etwas mit Berechenbarkeit zu tun – jenseits all der schrecklichen Komplexitätsmaße und der theoretischen Informatik.

Im Rahmen dieser Fragestellung arbeite ich sehr eng mit der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) zusammen. Und in der nächsten Woche berichte ich weiter.

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