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2014-09-30 DSC02217Ordnung muss sein. Ordnung ist das halbe Leben.

Es gibt viele schwierige Erziehungsaufgaben. Eine davon ist: Wie bringe ich meinen Kindern Ordnung bei?

Das Fragezeichen ist kein Zufall. Ich würde von mir behaupten, dass ich es auch nach der Erziehung von zwei Töchtern immer noch nicht richtig weiss, wie das geht – Kinder zur Ordnung zu erziehen. Ich versuch’ jetzt ‘mal, die Schwierigkeiten, die dabei auftauchen (können), zu illustrieren.

Unser Leben ist – um es mit einer gewissen minimalen Ordnung auszustatten – in einen 7-Tage-Rhythmus eingeteilt, den man “Woche” nennt. Am Sonntag drückt man auf einen Reset-Knopf, der zum montäglichen Restart vorbereitet. Das Drücken des Reset-Knopfs war während meiner Erziehungszeit keine beiläufige Aktion, sondern eine sehr wohl inszenierte Handlung: ein opulentes Frühstück mit allerlei Köstlichkeiten, darunter insbesondere Räucherlachs, der mir noch heute eine Delikatesse ist.

Auch von den Kindern wurde dieses Frühstück als eine wichtige Handlung wahrgenommen, wahrscheinlich eher wegen Ernsthaftigkeit der Eltern als wegen des Delikatessenangebots – Kinder sind da nicht so wählerisch. Die Ernsthaftigkeit – ja, die wurde knallhart durch eine ErstWennDu-Dann-Konstruktion erzeugt: Erst wenn Du Dein Zimmer aufgeräumt hast, dann starten wir mit dem Frühstück. Auch am Sonntag also: Erziehung zur Ordnung!

Mammamia – die armen Kinder!

Aufräumen – das ist ja mehr, als die Dinge, die auf dem Fußboden herumliegen, in irgendeine Kiste zu schmeißen und diese dann unters Bett zu schieben. Aufräumen – das ist ja viel mehr! Das ist ja: die Dinge, die auf dem Fußboden herumliegen, zu klassifizieren und klassengerecht in klassenweise vorgehaltene Boxen einzuschlichten. Und diese dann an definierten Orten unterzubringen.

Aber woher sollen Kinder denn eigentlich das richtige Klassenbewußtsein bekommen? Ich glaube, das habe ich damals nicht richtig bedacht. Ich habe damals gedacht: Das ist doch klar!

Leider war es meist nicht so klar, und bei dem Inspektionsgang vor dem Frühstück musste nachgeholfen werden. Trotzdem – keines der Kinder ist verhungert. Weder sonntags, noch werktags.

Von der Familie zum Staat ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Internationaler Handel und staatliches Kontrollbedürfnis verlangen ebenfalls eine Ordnung. Die Warenströme, die über die nationalstaatlichen Grenzen fließen, müssen erfasst und möglicherweise verzollt werden. Ebenso wie die Kinder zunächst die Dinge klassifizieren mussten, bevor sie sie aufräumen konnten, braucht der Staat (bzw. die Staatengemeinschaft) Warenklassifikationen. Oder wie es das Statistische Bundesamt etwas allgemeiner formuliert:

"Bei der Beobachtung von Massenerscheinungen … fällt stets eine Fülle von Daten an, die notwendigerweise auf geeignete Art verdichtet werden muss, um ihre Präsentation und Analyse zu erleichtern bzw. erst möglich zu machen. Voraussetzung hierfür ist das Vorliegen verbindlicher Einteilungen der zu beobachtenden ökonomischen, sozialen oder sonstigen Tatbestände. Nur durch die verbindliche Anwendung einer bestimmten Klassifikation und deren Klassifizierungsregeln wird erreicht, dass Einzeldaten – abgesehen davon, dass diese aus Geheimhaltungsgründen, stichprobentheoretischen Überlegungen oder aufgrund anderer Ursachen gar nicht zugänglich gemacht werden können – von den verschiedenen Nutzern statistischer Angaben einheitlich gruppiert werden.

Für verschiedene Fragestellungen werden unterschiedliche Klassifikationen entwickelt. Hierzu zählen Klassifikationen zur Gliederung wirtschaftlicher Aktivitäten, von Waren und Dienstleistungen, sozioökonomischen Merkmalen, Regionalangaben usw. Zum Teil liegen für die Gliederung derselben Art von Tatbeständen, zum Beispiel von Waren, verschiedene Klassifikationen vor, die dem jeweiligen Erhebungszweck entsprechend konzipiert sind. So erfassen sowohl das Warenverzeichnis für die Außenhandelsstatistik als auch das Güterverzeichnis für Produktionsstatistiken im Wesentlichen physische Erzeugnisse, wegen unterschiedlicher Verwendungs- und Analysezwecke jedoch in anderer Gliederung.

Neben der einheitlichen Anwendung einer Klassifikation bei der Erhebung, Aufbereitung und Analyse statistischer Daten auf nationaler Ebene hat in den vergangenen Jahren die Verwendung international vergleichbarer Klassifikationen stark an Bedeutung gewonnen. Daher werden bei nationalen statistischen Erhebungen inzwischen häufig Klassifikationen verwendet, die verbindlich auf internationalen oder EU-weiten Vorgaben aufbauen oder es kommen sogar unmittelbar internationale Klassifikationen zum Einsatz." (https://www.destatis.de/DE/Methoden/Klassifikationen/Klassifikationen.html)

Das Forschungsziel, das ich mir gesetzt habe und über das ich hier in diesem Blog schon berichtet habe, verlangt offensichtlich, dass ich mit modernen Warenklassifikationen auseinandersetze. Du, liebe Leserin, wirst Dich nun fragen: Warum im Plural? Reicht denn nicht eine einzige Warenklassifikation? Nein, man möchte uns das Leben schwer machen, es gibt mehrere Klassifikationen. Ich beschäftige mich derzeit mit zweien, von denen ich erwarte, dass sie einen zumindest ähnlichen Zweck verfolgen wie die Warenklassifikation der Reichsstatistik, nämlich mit der Standard International Trade Classification (SITC) der Vereinten Nationen und Kombinierten Nomenklatur (CN) der Europäischen Kommission, wobei diese Kombinierte Nomenklatur eine Erweiterung des Harmonized System der Welthandelsorganisation (WTO) ist. Wie ich schon berichtet habe, umfasst die SITC 2970 Positionen. Für die CN habe ich keine entsprechende Angabe gefunden, und nachzählen mochte ich nicht; es sei nur bemerkt, dass der Warencode eine achtstellige Zahl ist.

Die Reichsstatistik benutzt als Warencode eine fortlaufende Nummer, die Warencodes der SITC und der CN sind im Gegensatz dazu hierarchisch aufgebaut. Die SITC-Hierarchie umfasst 10 Teile, 67 Abschnitte, 262 Gruppen, 1023 Untergruppen und 2970 Kleinste Gliederungseinheiten (sogenannte Fünfsteller) (Wikipedia); der SITC-Warencode hat fünf Stellen. Der Warencode der CN ist in vier jeweils zweistellige Schlüssel aufgeteilt; in den 21 Abschnitten der CN sind insgesamt 97 Kapitel enthalten, und jedes Kapitel hat Unterpositionen, und jede Unterposition kann noch weiter aufgeteilt werden.

Das sieht doch alles ganz ordentlich aus, oder?

Wenn ich mir vorstelle, meine Kinder hätten ihre diversen Utensilien nach der SITC bzw. der CN klassifizieren müssen … nein, das will ich mir lieber nicht vorstellen. Die Kinder wären verhungert – und die Eltern auch. Ich will also nicht davon reden, wie schwierig es ist, Dinge so “feingranular” zu klassifizieren. Ich will stattdessen darüber reden, wie “ordentlich” denn die Hierarchien der SITC und der CN gebildet sind bzw. was es eigentlich bedeutet, eine “ordentliche” Hierarchie aufzubauen.

Dem Informatiker scheint diese Frage eine der leichtesten zu sein: Hierarchisch – das bedeutet eine Baumstruktur. Da gibt es Knoten und Kanten wie in jedem Graphen, der Graph ist ungerichtet und zusammenhängend, es gibt keine Schlingen, einer der Knoten ist der Wurzelknoten, der keinen Vorgänger hat, alle anderen Knoten sind nur mit ihren Vorgängern verbunden. Man kann die Knoten in “innere Knoten” und in “Blattknoten” unterscheiden. Angewendet auf unsere beiden hierarchischen Warenklassifikationen bedeutet das: Der Wurzelknoten ist ein virtuelles Gebilde, das z.B. mit “SITC” bzw. “CN” bezeichnet werden könnte, die Blattknoten tragen Bezeichnungen, die auf die jeweils zu erfassenden Waren angewendet werden sollen. Die inneren Knoten dienen nur der Strukturierung des Systems bzw. der Navigation im Baum. So weit so gut: Ich habe diese naive Vorstellung von einer ordentlichen Baumstruktur gehabt, als ich mich daran gemacht habe, die Hierarchien der SITC bzw. der CN mit Hilfe eines XSL(T)-Skripts in OWL-2-Klassenhierarchien umzuwandeln.

Was ist mir aufgefallen?

  • Die Warenbezeichnungen, die ich bei den Blattknoten erwartet habe, können auch schon bei Knoten einer höheren Hierarchiestufe auftauchen. Die Hierarchie ist also nicht in allen Ästen des Baumes in voller Tiefe vorhanden. Das lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass sich ein Oberbegriff oftmals nicht sehr sinnvoll in Unterbegriffe “aufspalten” läßt. Dann läßt man diese Aufspaltung schlicht und ergreifend weg. Nun ja, das ist vielleicht nicht schön, aber es lässt sich sicherlich verschmerzen.
  • Die SITC- bzw. CN-Bäume sind keineswegs zusammenhängend. Es gibt Lücken. Warencodes, die keine Verbindung zu ihren Vorgängern im Baum haben, habe ich vor allem in sog. correlation tables gefunden, d.h. in Tabellen, die eine Abbildung zwischen zwei oder mehr verschiedenen Klassifikationen beschreiben. Konkret ist mir das bei der Bildung von Warencodes aufgefallen, die für nicht vollständig klassifizierbare bzw. klassifizierte Waren stehen. In der CN z.B. geht man wie folgt vor: Wenn man grob weiss, zu welcher Gruppe bestimmte Waren gehören, aber feinere Kenntnisse fehlen, dann behält man die in der Hierarchie am höchsten stehenden Schlüssel bei und füllt die freien Stellen mit der Ziffer 9 auf. Es gibt z.B. einen Warencode 01999999, und der beschreibt sinngemäß “Live animals – not classified according to kind.” Eine etwas feinsinnige Erläuterung gibt die United Nations Commodity Trade Statistics Database: “Due to confidentiality, countries may not report some of its detailed trade. This trade will – however – be included at the higher commodity level and in the total trade value. For instance, trade data not reported for a specific 6-digit HS code will be included in the total trade and may be included in the 2-digit HS chapter. … Detailed data … will sum up to the respective totals due to the introduction of adjustment items with commodity code 9999 and 999999.” (http://comtrade.un.org/db/help/uReadMeFirst.aspx) Allerdings fehlen im angeführten Beispielen wie an anderen vergleichbaren Stellen die beiden inneren Knoten 0199 und 019999. Das ist für den menschlichen Leser nicht schlimm, sehr wohl aber bei der Bildung einer Klassenhierarchie.

(Wird fortgesetzt)

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