Science 2.0 …?!

1069524880.LGL.2D.2048x2048Vor ein paar Wochen – es war zu der Zeit als die Deutsche Bahn noch zwischen Dresden und Hamburg einen IC regelmäßig verkehren lassen konnte – fand in Hamburg die zweite Konferenz zum Thema Science 2.0 des gleichnamigen Forschungsverbunds der Leibniz-Gemeinschaft statt.

Science 2.0 …?!

Immerhin zeigt die aktuelle Diskussion, an der sich auch Spitzenpolitiker intensiv beteiligen, dass bei der Industrie bereits die Version 4.0 angesagt ist. So frage ich mich, wie gerade die Wissenschaft so hinterher hängen kann? “Industrie 4.0” adressiert im Sinne der vierten industriellen Revolution die zunehmende Digitalisierung, Vernetzung und IT-Durchdringung von Produktionsprozessen und Produkten in der Industrie, um eine Ressourceneffizienz und ein schnelleres Reaktionsvermögen auf Marktgegebenheiten zu erlangen. Eine solche Wirkung zu erzielen, bedarf es einer exakten Kenntnis über Prozesse und deren Planbarkeit (genaueres dazu findet man zum Beispiel unter www.wi2015.uni-osnabrueck.de/Files/WI2015-D-14-00135.pdf). Aber auch in der Industrie gilt, dass nicht jede Produktion für “Industrie 4.0” relevant ist. Zudem sind, zumindest aus meiner Sicht, bei den meisten von uns schon genau solche Dinge wie Digitalisierung, Vernetzung und IT im privaten Alltag angekommen – so dass es eigentlich keine Revolution, vielleicht aber doch eine Innovation darstellt. Wie der einzelne sie nutzt und warum, ist allerdings auch im privaten ganz heterogen.

Wie sieht der Arbeitsalltag eines Wissenschaftlers aus? Sind Digitalisierung, Vernetzung und IT-Durchdringung nicht auch bei der Wissenschaft angekommen und haben sie ähnliche Ziele und Wirkungen auf die Prozesse? Welche Rolle hat die IT überhaupt im Alltag eines Wissenschaftlers und welche Werkzeuge werden genutzt? Brauchen wir neue, ggf. “smarte” Werkzeuge? Das sind einige der Fragen, die meine aktuelle Studie zum Thema Alltag von Wissenschaftlern leitet. Dabei geht es schlussendlich um die Frage, wie IT sein muss, um nutzbringend für den Alltag von Wissenschaftlern zu sein ‒ und das herauszufinden ist eine Aufgabe meiner Disziplin, der Wirtschaftsinformatik, die sich ja speziell mit dem “Mensch-Aufgabe-Technik-Ordnungsrahmen” (Lutz J. Heinrich) auseinanderzusetzen hat.

Mein Weg bei der Suche nach Erkenntnissen ist das digital aufgezeichnete Gespräch. Ich folge Leitfragen, aber ich vertiefe Themen, wenn es sich anbietet und der Gesprächspartner die Bereitschaft dazu signalisiert. Dabei entstehen Gespräche, die nicht nur abstrakt von der Struktur der Arbeit berichten, wie es von einem rationalen Wissenschaftler vielleicht vermutet werden könnte. Manchmal höre ich auch von den mir bekannten Sorgen um Drittmittelakquise, Kennzahlen zu Publikationen und vor allem der Zeit als begrenzte Ressource.

Es ist bemerkenswert, dass es keinen generalisierbaren Musteralltag für Wissenschaftler gibt und dabei Einflussfaktoren wie Position oder eigenes Rollenverständnis wichtig sind. Der Alltag eines Wissenschaftlers ist auch bei weitem nicht nur von wissenschaftlichen Prozessen bestimmt. Arbeitsfelder wie Lehre, Drittmittelakquise oder auch Organisation und Verwaltung bilden bei manchem, gewollt oder ungewollt, einen zeitlich intensiven Bestandteil. Tätigkeiten wie Drittmittelanträge schreiben, Netzwerke und Kontakte pflegen, Projekte verwalten, Lehrveranstaltungen und Seminare begleiten, Kommunikation, Recherche und Publikation sind nur ein kleiner Anteil der Aufgaben, die bewältigt werden. Auch arbeiten Wissenschaftler häufig in Zyklen. Wenn das Semester ansteht, dann erfolgt eine Konzentration auf die Lehre. Wenn der Lehrbetrieb endet, rücken Wissenschaft und Forschungsanträge mehr in den Mittelpunkt. Durch die nach wie vor zunehmende Internationalisierung ist hier allerdings auch ein verschwimmen der Grenzen zu erkennen.

Sicher wäre es, zielorientiert gedacht, verlockend, in einer wissenschaftlichen Arbeit zehn gute Ideen pro Stunde im Sinne einer Ressourceneffizienz zu haben. Aber gute Ideen und Denkprozesse folgen kaum Effizienz. Sie sind eher kreativ, unstrukturiert und auch nicht zwingend immer erfolgreich. Auch arbeiten Wissenschaftler auf ganz unterschiedliche Weise an Themen: manche wählen bewusst eine Art Stille auch von der IT, indem Desktopmeldungen unterdrückt und Kommunikationspfade zeitlich begrenzt unterbrochen werden. Bei anderen spielen bei Lesen und Denken und nach wie vor Zettel und Stift eine große Rolle, aber auch die Präsenz von Technologien wie Grid Computing und Web 2.0 werden mir häufig berichtet. Dabei sind sicher auch der Bezug zum fachlichen Thema und der damit verbundene Bedarf wichtig. Organisational sind internationale Projekte und virtuelle Kooperationen ebenso vorzufinden wie eine Arbeit in kleinen, ganz direkten und persönlichen Projektgruppen.

Meine Interviews folgen keinem voll durchstrukturierten, vorgegebenen Weg. Ich lasse mich auf Antworten ein und manchmal werden die Gespräche nicht nur die 30 angesetzten Minuten lang, sondern es werden 90 Minuten daraus. Die Aufzeichnung lasse ich in einem Rechenzentrum in einer Spracherkennung bearbeiten. Großrechner erkennen Worte und Pausen, die dann häufig noch einmal einer händischen Korrektur bedürfen, aber manchmal schon sehr nah an der wörtlichen Aussage sind. IT macht mich effizient und verbessert meinen Forschungsprozess in den unterstützenden Tätigkeiten und reduziert den Zeitaufwand. Aber die eigentliche Leistung und damit die Erkenntnis zu den einzelnen Fragen, dabei unterstützt sie mich nicht und den Prozess verändert sie auch nicht. Ich denke nicht schneller und das ist schon in Ordnung, denn ich habe durch die IT-Unterstützung mehr Zeit für das, was Mehrwerte schaffen kann. Wenn also Werkzeuge dazu führen, dass die Ressource Zeit im Alltag von Wissenschaftlern geschont wird, dann sind sie notwendig und wichtig und müssen bei all den Tätigkeiten genutzt werden, bei denen Effizienz das einzige Ziel sein kann. Und dazu gehört eben Verwaltung oder Kommunikation. Den Erkenntnisgewinn und damit das eigentliche Produkt (denken wir zurück an die Industrie 4.0) der Wissenschaftler ‒ und da sind diese Prozesse eben anderes als in der Industrie ‒ wird eine noch so effiziente Unterstützung nicht besser machen, sondern nur der Mensch ‒ der Wissenschaftler.

Bildquelle 1: http://www.opte.org/maps/static/1069524880.LGL.2D.2048×2048.png

Comments
4 Responses to “Science 2.0 …?!”
  1. Norbert Luttenberger says:

    Liebe Frau Koschtial, vielen Dank für diesen hochinteressanten Post! Ich denke, es gibt im Kontext Science 2.0 eine wichtige Frage zu bedenken: Wenn wir davon ausgehen, dass uns nun im Web 2.0 eine Menge von neuartigen Werkzeugen für die Kommunikation zur Verfügung stehen, dann könnte es doch auch sein, dass diese Werkzeuge eine andersartige Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern herbeiführen — also nicht nur eine effizientere Kommunikation, sondern auch eine Kommunikation mit anderen Inhalten. Meine Vermutung: Blogs u.ä. Kommunikationsformen erlauben die Darlegung auch vorläufiger Gedanken, und das ist etwas, was in der klassischen Publikation nicht funktionieren würde. Haben Sie schon einschlägige Beobachtungen angestellt? Ich wäre sehr an Ihren Ergebnissen interessiert — auch wenn es nur vorläufige sind …

    • Carsten Felden says:

      Sehr geehrte Frau Koschtial, sehr geehrter Herr Luttenberger,

      der von Herrn Luttenberger genannte Aspekt der andersartigen Kommunikation macht mich nachdenklich. Grundsätzlich werden wir alle immer befürworten, dass wir mehr Austausch benötigen und das Austausch befruchtend für die Entwicklung von Themen sein kann. In den USA erlebe ich zum Beispiel immer wieder, dass sich Kollegen wöchentlich treffen (nicht nur einer Universität), dort Ihre Themen präsentieren und diese so weiterentwickeln, bis die Reife zur Publikation besteht. Es sind in der Regel konstruktive Diskussionen, die dem dortigen Selbstverständnis der Arbeit entsprechen. Es mag nun disziplinenabhängig sein, hier stelle ich oftmals eher eine negative Diskussionskultur fest. Und, eine Konferenz ist oftmals bereits die Publikationssenke und nicht (mehr) der Ort des wissenschaftlichen Diskurs. Wenn jemand überhaupt sein unreifes Thema irgendwo präsentiert (was viele nicht tun, da sie Angst davor haben, dass andere dann das Thema besetzen), geht es in der Regel nur noch darum, dies “kaputt zu machen”. Die Möglichkeit zur Entwicklung besteht gar nicht mehr. Ich frage mich daher, ob wir überhaupt einmal eine andere Kommunikationskultur hatten und ob Science 2.0 derartiges wieder beleben kann. Es liefert sich eine Technik, die den Austausch fördert, allerdings bedarf es auch einer entsprechenden Kommunikationskultur. Ich glaube, dass diese andauernde Wettbewerbsdenken, das “besser als andere sein müssen” vieles zerstört hat, was man erst wieder gestalten muss. Das Darlegen vorläufiger Gedanken ist zurzeit einfach zu sehr mit der Gefahr der Frustration behaftet anstelle des aktiven Unterstützens. Es würde mich interessieren, wie andere darüber denken und ob es eigentlich immer nur eine Frage der Technik ist.

      • Norbert Luttenberger says:

        Liebe Frau Koschtial, lieber Herr Felden, da entwickelt sich ja wirklich eine spannende Debatte! Ich bin ganz begeistert! Heute möchte ich auf Ihren Post eingehen, Herr Felden. Ja, diese mangelhafte Kommunikationskultur beobachte ich hier am Institut auch. Um es an einem Beispiel darzustellen: Ich hatte meinen Kollegen vorgeschlagen, eine Forschungsaktivität mit dem Arbeitstitel “Future Web” aufzunehmen, und um die Diskussion zu starten, habe ich in diesem Blog eine Serie von Posts mit dem Titel “Future Web” geschrieben. Reaktion: Null. So läuft das. Die Reaktion “Kaputtreden” kenne ich leider auch, aber ich will mich hier jetzt nicht ausheulen. Ihre Frage, ob es denn neuer Kommunikationstechniken bedarf, wenn die Kultur, sie benutzen zu wollen, fehlt, ist also leider nur zu berechtigt. Und ob es nur uns Informatiker betrifft, kann ich in keiner Weise beurteilen, obwohl es eine Menge von Hinweisen gibt, die zeigen, dass Autismus die Berufskrankheit unserer Profession ist. Ich bin sehr gespannt darauf, zu erfahren, was all diese Überlegungen für die Ausrichtung der Arbeit von Fr. Koschtial bedeuten … In diesem Sinne würde ich mich freuen, wenn wir in Diskussion bleiben. Gruß, Norbert Luttenberger

  2. Claudia Koschtial says:

    Lieber Herr Prof. Dr. Luttenberger, vielen Dank für den Einstieg in den Diskurs! Ich denke, auch gerade mein Beitrag und Ihre Antwort zeigt, dass eine frühzeitige Kommunikation von Ideen und damit verbunden eine Diskussion durchaus wichtig und interessant ist. Aus meiner aktuellen Studie heraus: Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass ein eher kleinerer Anteil der Wissenschaftler im Augenblick bereits eigene Aktivität zB. in Blogs zeigt. (Das steht zum Beispiel auch in Einklang mit einer quantitativen Studie 2015, die rund 30% überhaupt als Nutzer von Webblogs sieht, davon 2% nur beruflich, 3% primär beruflich, 12,6% beruflich und privat, 6,3% primär privat, 6,4% rein privat). Die Nutzung wurde mir in einem geringen Teil für Recherche und deutlich spürbarer zur Wissenschaftskommunikation beschrieben. Insbesondere die Wahrnehmung der Kompetenz im eigenen Feld zur Vereinfachung von Akquise von Drittmittelprojekten spielte da eine große Rolle.

    Von einer aktiven Diskussionskultur und Austausch war leider noch nicht viel hörbar.
    Die Medien wären in jedem Fall grundsätzlich geeignet, dies unterstützen. Auch zeigen neue Kennziffern, die Präsenz und Diskussion in diesen Feldern messen, dass Interesse besteht. Rein inhaltlich könnte es den Forschungsprozess verbessern, eine Diskussion zu Idee und Methode führen zu können, bevor die Forschung komplett durchgeführt, ein Beitrag geschrieben und bei einer Konferenz eingereicht wurde. Manche Kritikpunkte wären vielleicht bereits im vorherein bekannt und adressierbar. Es scheint also Gründe zu geben, diese Form der Kommunikation nutzen. Dafür muss sich aber eben auch jemand die Zeit nehmen und den Sinn hinter der Beteiligung sehen. Und da sehe ich durchaus Schwierigkeiten, denn der Faktor Zeit spielte in meinen Interviews eine große Rolle, wenn solche Kommunikationswege negiert werden. Zeit als knappe Ressource wird für die Dinge genutzt, die lohnenswert erscheinen. Einen Beitrag zu schreiben oder über das Thema eines anderen nachzudenken erfordert Zeit, die vielleicht zunächst in andere Dinge nützlicher investiert scheint. Zudem bestehen auch Vorbehalte, dass gute eigene Ideen von anderen weitergenutzt werden.

    Wie Sie vielelicht merken, ist das Thema und die Beobachtungen vielschichtig. Ein klares Bild will sich mir noch nicht erschließen. In jdem Fall habe ich den Eindruck, dass es eben nicht das existierende Medium, sondern auch passende Kommunikationskultur ist, die es vielelicht noch zu entwicklen gilt.