Drei Typen und ein Vierfarbkuli

Von nix kommt nix. Wenn man Hochschullehrer sein will, muß man sich auch für Hochschuldidaktik interessieren.

Habe ich gemacht, schon als Student, als Aktivist in der Fachschaft. Meine Fachschaftskollegen und ich, wir haben damals intensiv mit zwei querdenkenden Hochschuldidaktikern kommuniziert, die uns mächtig beeindruckt haben: Rainer Morsch und Wolfgang Neef von der TU Berlin. Wenn man mit denen über Hochschuldidaktik gesprochen hat, dann ging’s nicht um ECTS-Punkte (die gab’s damals noch gar nicht), es ging auch nicht um zwei SWS mehr oder weniger Algorithmen und Datenstrukturen, und es ging vor allem nicht um Tafel oder Beamer. Es ging um eine fundamentale Schlußfolgerung, die die beiden aus ihren ausführlichen Untersuchungen zur Studiensituation in den technischen Studiengängen gezogen haben: Das Ingenieurstudium ist so, wie es im Lehrplan steht, eigentlich gar nicht studierbar. Peng! Die Anforderungen sind so hoch, daß es so, wie die Professoren sich das wünschen, keiner schaffen kann. Vorlesung hören, Vorlesung nachbereiten, Übungsaufgaben rechnen, Praktikumsaufgaben lösen … Alles das zusammengenommen geht nicht, oder zumindest: nicht in der Zeit, in der es erwartet wird. Lehrplan: Murks.

Und jetzt? Game over?

Zu irgendetwas – und das war die zweite überraschende Schlußfolgerung – muß dieses scheinbar disfunktionale Studium aber dennoch nütze sein. Und das ist etwas, das nicht im UnivIS steht. (Das UnivIS gab’s damals noch gar nicht.) Es ist ein geheimer Lehrplan. Und der bezieht sich nicht auf die fachliche Qualifikation, sondern auf die Herausbildung von Persönlichkeitsmerkmalen. Das also war die Kernthese “unserer” Hochschuldidaktiker.

Die fraglichen Persönlichkeitsmerkmale haben die beiden nun drei verschiedenen Idealtypen zugeordnet – Sie merken, es geht wieder um eine Typologie –, und da es nur um Typen geht und nicht um Menschen, bleibe ich politisch völlig unkorrekt in der männlichen Form:

  • Der fleißige Detailarbeiter besucht so gut wie alle vorgesehenen Vorlesungen, schreibt mit einem Vierfarbkuli in Druckbuchstaben ein gut leserliches Skript (Fließtext schwarz, Sätze blau, Beweise rot, Lemmata grün unterstrichen, mit Lineal), bemüht sich stets, alle Übungsaufgaben zu erledigen, und kennt kein Vergnügen. Sein Dilemma: Vor lauter Fleiß bleibt manchmal das Verständnis auf der Strecke. Der Studienerfolg stellt sich ein, manchmal ein paar Semester nach der Regelstudienzeit, die Noten sind mittelprächtig
  • Der fachliche Durchblicker besucht Vorlesungen selektiv; er hört zu, schreibt aber nicht mit, da er weiß, in welchem Lehrbuch das vorgetragene Thema besser abgehandelt wird. Kommt ein neues Gebiet an die Reihe, stellt der fachliche Durchblicker strukturelle Vergleiche mit dem Stoff anderer Gebiete an und erkennt durch Analogieschlüsse, wohin die Reise wohl gehen wird. Zur Prüfungsvorbereitung reicht es ihm, die Inhaltsverzeichnisse einiger Lehrbücher durchzuschauen, die erzielten Noten sind deutlich im oberen Drittel.
  • Der sozial Geschickte kennt Gott und die Welt und hat ein gutes Auge für die Qualitäten der anderen Studenten. Vor der Prüfung fotokopiert er sich das Vorlesungsskript vom fleißigen Detailarbeiter und läßt es sich von einem fachlichen Durchblicker erläutern. Oberstes Prinzip: Zeitökonomie. Findet der Prüfer eine Lücke, dann kann die erzielte Note mal neben der Selbsterwartung liegen, ansonsten sieht alles gut bis sehr gut aus.

Nun sagen Sie bloß, Sie kennen keinen von denen!

Das dicke Ende allerdings kommt noch. Denn wenn es nur um die Herausbildung dieser Studenten-Typen ginge, dann hätte das Studium zwar einen gewissen Effekt – aber auch einen Nutzen? Und in der Tat: Das auf diese Weise neu interpretierte Studium hat ebenfalls einen Nutzen, besser: eine berufsqualifizerende Wirkung – genauso wie das “fachliche” Studium. Denn – begegnen uns denn in der Arbeitswelt nicht genau diese drei Typen wieder? Sie heißen nun anders, der fleißige Detailarbeiter heißt nun Sachbearbeiter, der fachliche Durchblicker hat einen Job in der F&E-Abteilung der Firma, und – Sie haben’s erraten – der sozial Geschickte ist der Manager von beiden. Das Studium ist berufsqualifizierend! Für Informatiker könnte man vielleicht die Berufsbezeichnungen Codierer, Architekt und Chief Information Officer einsetzen, und es läßt sich kaum verleugnen, daß die vorgeschlagene Typologie auch in unserem Fachgebiet ihre Entsprechungen in realen Personen hat.

Warum mich das interessiert? Nun ja, zum einen bin ich Hochschullehrer, und als solcher sollte ich mich ja für Hochschuldidaktik interessieren. Aber das hatten wir schon. Und zum anderen … Ich frage mich, ob wir hier in Kiel, d.h. in unserer konkreten Ausbildung im Institut für Informatik der CAU Kiel, einem bestimmten Typus den Vorzug geben. Auch wenn wir es vielleicht gar nicht merken.

Ich meine, etwas zu merken. Umso mehr bin ich auf Ihre Kommentare gespannt.

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